"Schon Wolfgang Amadeus Mozart nannte die Orgel die Königin der Instrumente. Sie kann wie ein ganzes Orchester klingen und gehört wie das Amen in jede Kirche. Handwerkliche Multitalente wie Orgelbaumeister Christoph Neuhaus aus Velbert machen den einzigartigen Hörgenuss erst möglich."

Es war ein großer Tag in der evangelischen Hauptkirche in Wuppertal-Unterbarmen. Zum Reformationsfest am 31. Oktober sendete die ARD ihren bundesweiten Fernsehgottesdienst, und in den hinteren Reihen saß gelassen ein Handwerksmeister, ohne dessen Können zumindest das akustische Programm nicht möglich gewesen wäre. Denn mit ihrer Klangfülle beeindruckte die frisch renovierte Kirchenorgel das Live-Publikum ebenso wie die Tontechniker im Übertragungswagen. Ein perfekter Schlussakkord nach vielen Wochen harter Arbeit für Orgelbaumeister Christoph Neuhaus und sein kleines Team.

"Einer der alle Register zieht"


Zeitsprung. Seit fast zwei Monaten ist in der neu renovierten Unterbarmer Hauptkirche die gesamte Empore mit ausgebauten Orgelteilen übersät. Pfeifen in allen Größen, fein säuberlich gestapelt, mal aus Holz, mal aus Metall und manchmal arg verbeult. Scheinwerfer leuchten grell. Dazwischen Schläuche, die ins Unbekannte führen, Kabel, die ein Laie für kaum entwirrbar hält. Eine Standbohrmaschine, Poliertücher, Lötkolben und Messgeräte. „Wenn die Orgel nicht in die Werkstatt passt, dann muss die Werkstatt eben in die Kirche kommen", schmunzelt Christoph Neuhaus, der gerade an der neuen Verkabelung tüftelt. Orgelbauerin und Ehefrau Valentina richtet derweil auf einer Form eine verbogene Pfeife. Orgelbaugeselle Martin König hat sich im zweistöckigen Inneren des Instruments verkrochen, um die Windmaschine wieder ans Laufen zu kriegen. Die zweitwichtigste Orgelbauer-Regel schließlich heißt: Der Wind macht die Musik.

Die allerwichtigste Regel ist ebenso schnell erklärt: Es gibt praktisch nichts, was ein Orgelbauer nicht können muss. Holzbearbeitung, Metallbearbeitung, Elektronik und Elektrik, Leder- und Tuchverarbeitung, dazu Statik, Kunstgeschichte,' Design und Musiktheorie - aus alles in allem fast 50 Berufsbildern muss sich ein guter Orgelbauer die entscheidenden Fähigkeiten zusammenstellen, wenn das spätere Werk den Meister in vollen Tönen loben soll. Entsprechend rar gesät ist hier denn auch das passende Personal.

Nicht nur Übung macht den Meister


Nicht nur Übung macht den Meister „Fachidioten sind hier fehl am Platz", weiß Christoph Neuhaus. Er selber ist dafür das beste Beispiel: Nach dem Abitur hatte er erst eine Lehre zum Maschinenschlosser absolviert und wollte dann Flugzeugbau-Ingenieur werden. Doch die heimliche Leidenschaft Musik war stärker als die Strömung von Jet-Triebwerken: Orgelbauer hieß nun das Berufsziel, und mit einer Ausbildung zum Tischler überbückte das Multitalent die vierjährige Wartezeit auf eine passende Lehrstelle.

Selbst nach der Meisterprüfung hörte Christoph Neuhaus nicht mit dem Lernen auf: Als er sich im Jahr 2004 selbstständig machte, büffelte er noch ganz nebenbei für die Prüfung zur Elektrofachkraft. Diese Vielseitigkeit bringt ihm heute den entscheidenden Vorsprung bei der Suche nach Aufträgen. Denn die Konkurrenz ist zwar dünn gesät - Kunden mit attraktiven Aufträgen jedoch ebenso.

So sind es heutzutage kaum noch komplette Orgel-Neubauten, die der kleinen, aber feinen Handwerksgilde die Auftragsbücher füllen. Spätestens seit landauf, landab die Kirchengemeinden immer weniger Geld im Klingelbeutel haben, muss auch an der Musik in den Gotteshäusern gespart werden. Und ein Kirchenschiff, in dem sich keine Gläubigen mehr versammeln, braucht auch keine wohlklingende Orgel mehr. Dennoch schützt die Ehrfurcht vor der Tradition und dem kulturellen Vermächtnis so manches Instrument vor dem schnöden Austausch durch vergleichsweise billige Elektronik-Imitate. Denn selbst ein noch so intelligenter Computerchip kann nicht jenen unvergleichlichen Hörgenuss hervorzaubern, den erst handwerkliche Orgelbaukunst möglich macht. Schließlich sind die meisten Orgeln wahre Unikate - Kirchengebäude und Konzertsäle wurden und werden ja auch nicht als Fertigbau aus dem Katalog geliefert. Nicht zu vergessen die unzähligen Klangbilder, die sich je nach Epoche, Stilrichtung und Disposition der Pfeifen ergeben können, sobald der jeweilige Organist an seinen Registern zieht. Weshalb neben technischem Wissen und praktischem Geschick auch die Liebe zur Musik zum festen Handwerkszeug eines Orgelbauers gehört. Schließlich ist die Königin der Instrumente keine seelenlose Musikmaschine, sondern will mit all ihren Eigenheiten liebevoll gepflegt werden.

Auch für Christoph Neuhaus ist sein Beruf deshalb mehr als nur ein Broterwerb. Das spürt man spätestens dann, wenn er von seinem Meisterstück erzählt: einer eigenhändig gebauten Orgel im westfälischen Stil des frühen 17. Jahrhunderts, unter anderem mit „Holtzpfeiff", „Gembs-horn", „Tremulant", mechanischer Winderzeugung - und zu bewundern in der katholischen Kirche St. Josef zu Herten-Disteln. Im ARD-Fernsehgottesdienst aus der Unterbarmer Hauptkirche nähert sich die Liturgie dem konzertanten Schlussakkord. Der anschließende Applaus gilt allen Mitwirkenden. Orgelbauer Christoph Neuhaus denkt derweil schon an die nächste Herausforderung.

IKK Nordrhein / April 2008


Operation "Orgel"


Operation "Orgel"

Vor einem Jahr noch führte das völlig marode Instrument ein Eigenleben – manche Töne gingen gar nicht, andere hingegen pfiffen ohne Stop und im Silvestergottesdienst streikte die Orgel völlig. “Ich war erstaunt, dass man die noch spielen konnte”, lautet denn der lakonische Kommentar des Velberter Orgelbauers Christoph Neuhaus. Mit Pfeifen-Patenschaften, Benefizkonzerten und Spendenaufrufen hatte die Gemeinde schließlich den größten Teil der veranschlagten Renovierungssumme von rund 100000 Euro zusammen. Den Rest zahlte übergangsweise die Gemeinde – in der Hoffnung auf weitere Sponsoren.

“Vorher klang alles flötig, jetzt haben alle 33 Register einen charakteristischen Klang.”
Matthias Lotzmann, Kantor

Anfang Februar machte sich der Orgelbauer daran, das Instrument in alle Einzelteile zu zerlegen. Die größten Pfeifen mit rund vier Meter Länge wurden direkt auf der hohen Orgelempore gereinigt, die kleineren die enge Stiege herunter transportiert. Erst nach dem Abbau der Pfeifen wurde der Zustand des Instruments völlig offenbar: “Es sind einige unerwartete Dinge aufgetaucht”, sagt Neuhaus. So wurden offenbar vor rund 20 Jahren schon einmal mäßig fachgerechte Reparaturen ausgeführt. Außerdem zeigte es sich, dass manche Trakturteile – also die Verbindung zwischen den Tasten und den Pfeifen – zerbrochen waren. “Die hingen nur noch an Fasern.”


Orgel in der Alten Kirche zu Bömen"


Orgel in der Alten Kirche zu Bömen"

Und nach all der Zeit ist sie in die Jahre gekommen. Etliche Teile sind verschlissen, die Pfeifen verstaubt. Außerdem hat sich Schimmelpilz breit gemacht. Orgelbauer Christoph Neuhaus sorgt jetzt dafür, dass das Instrument in etwa sechs Wochen wieder so prachtvoll klingt wie eh und je. Darauf legen der Fachmann und sein Auftraggeber, die Evangelische Kirchengemeinde, nämlich besonderen Wert. „Der klangliche Charakter soll erhalten bleiben“, sagt Christoph Neuhaus. Und der ist, wie der Experte weiß, „norddeutsch historisierend“. Veranschlagt hat er für die Generalüberholung und Grundreinigung rund 40 Arbeitsstunden. Etwa sechs Wochen lang wollen er und seine Ehefrau und Mitarbeiterin Valentina Neuhaus sich um die Orgel kümmern. Die Zwei arbeiten überwiegend in der Alten Kirche, etliche Teile des Instruments müssen sie aber auch mit in ihre Werkstatt nach Velbert-Langenberg nehmen. Die Arbeiten an der Orgel, die 1972 von Alfred Führer gebaut wurde, haben bereits am Montag begonnen. Sie sind aufwendig und zeitintensiv. Schließlich muss die Orgel Teil für Teil, Pfeife für Pfeife auseinander genommen werden. Allein die 1326 Pfeifen müssen ausgebaut und gereinigt werden. In den vier Jahrzehnten hat sich ordentlich Staub in ihnen gesammelt. Die riesigen Prospektpfeifen, die eindrucksvoll über dem Hauptorgelwerk hängen, brauchen eine zusätzliche Befestigung. „Sie neigen dazu, zusammenzustauchen“, hat der Orgelbauer sofort festgestellt. Er zeigt auf eine Wölbung an den großen Metallpfeifen. Eine zusätzliche Aufhängung soll sie künftig stabilisieren. Derzeit ist Christoph Neuhaus jedoch mit der Registerschleife beschäftigt. Die Lederbälkchen sind defekt, er muss ein komplett neues System in den Pfeifenstock einbauen. An den Leit- und Führungsstiften der Tonventile sind Roststellen zu sehen, sie müssen ebenfalls ausgetauscht werden. Zudem müssen die Pfeifenstöcke modifiziert, die Pfeifen selbst anschließend intoniert, also gestimmt werden. „Und dann muss die Orgel unbedingt vom Schimmelpilz befreit werden“, sagt der Experte. Unzählige Stellen kann er zeigen, an denen die gräuliche Sporenablagerung deutlich zu erkennen ist – sogar auf der Tastatur. „Wir waschen alles gründlich ab und behandeln dann mit einem Spezialmittel gegen den Pilz“, erklärt Neuhaus. Für ihn sind all diese Arbeiten Routine. Seit 30 Jahren ist er in seinem Beruf, 2004 machte sich der Orgelbaumeister dann selbstständig. Zuvor war er für das Unternehmen tätig, das auch das Instrument in der Alten Kirche einst gebaut hat. Nach dessen Insolvenz gründete er seinen eigenen Betriebe. Aufträge bekommt er aus ganz Deutschland, „von der Nordsee bis zum Bodensee“, so Neuhaus. Etwa drei bis vier Orgeln überholt er im Jahr, hinzu kommen Reparaturen und Wartungsarbeiten. Neue Instrumente baut der Velberter nur selten: „Die Kirchen haben kein Geld dafür.“ Gelernt hat er sein Handwerk von der Pike auf. Voraussetzung für die dreieinhalbjährige Ausbildung sei eine Lehre in der Holzverarbeitung, erklärt Christoph Neuhaus. Schließlich umfasse die Tätigkeit fast 50 verschiedene Handwerkerberufe, etwa aus der Holz- und Metallverarbeitung, Elektrik, dem Textilbereich und vielen weiteren. Und eins ist natürlich wichtig: Die Liebe zur Musik! Auch Christoph Neuhaus ist durch das Orgelspielen zu seinem Beruf gekommen. Ein ausgebildetes Gehör muss er mitbringen, wenn er einen Auftrag entgegen nehmen will. Schließlich soll sein „Patient“ anschließend genauso klingen wie vorher – nur eben „staubbefreit und generalüberholt“. Das Bönener Instrument bezeichnet der Fachmann als „ganz normales Örgelchen“ mit 20 Registern. Gearbeitet hat er schon an wesentlich größeren Instrumenten. Seine Erfahrung und sein Fachwissen insbesondere über die Führer-Orgeln machten ihn schließlich auch für die Evangelische Kirchengemeinde zum „richtigen Mann“.


Orgelkonzert evangelische Kirche Vohwinkel


Orgelkonzert evangelische Kirche Vohwinkel

Am Samstag, dem 1. September 2012, fand um 19:00 Uhr im Rahmen der Vohwinkeler Abendmusiken in der Evangelischen Kirche Vohwinkel an der Gräfrather Straße 20 in Wuppertal-Vohwinkel ein Orgelkonzert anläßlich der Wiederinbetriebnahme der renovierten Führer-Orgelstatt.Achim Maertins spielte Werke von Nicolaus Bruhns, Johann Pachelbel, Georg Böhm, Johann Sebastian Bach, Zsolt Gárdonyi, Max Reger und Felix Mendelssohn Bartholdy.Nach dem Orgelkonzert konnte die Orgel besichtigt und Fragen an den Orgelbaumeister und den Organisten gestellt werden.Der Eintritt zum Orgelkonzert war frei – eine Kollekte zur Deckung der Kosten für die Orgelrenovierung erbeten.